Kolumne
 Gaybodensee Kolumne

Hier greifen monatlich im Wechsel diejenigen zur Feder, die diese gleich ihrem Zungenschlag spitz einzusetzen wissen und schonungslos all das durchhecheln, was ihnen gerade auf der Leber brennt. Das Szenegeschehen wird zur Zielscheibe des Klatsch & Tratschs und oft ein gut gehütetes Geheimnis ganz beiläufig gelüftet. Kurzweil, Spannung und aufschlussreiche Erkenntnisse verspricht die Kolumne der Stars und Sternchen, die wir hier einzeln vorstellen.



Gaybodensee Transenparade

 

*** K O L U M N E  Januar 2020 ***



Neuanfang...



Olga Popova

jeder Neujahrstag ist irgendwie ein Neuanfang. Wenn auch ein oft sehr verkaterter, nachdem man am Vortag die Sektkorken hat knallen lassen, um im Silvesterrausch taumelnd unter Feuerwerk ins neue Jahr zu rutschen.
Neuerdings höre ich immer häufiger Kritik am Feuerwerk. Diese bunt schillernde Silvesterfreude mag ja in der Nähe sensibler Wohnbereiche oder denkmalgeschützter Gebäude absoluten Sinn machen. Die Leute gehen dann aber in Naturbereiche, etwa an das Seeufer.
Dort sieht es am Neujahrstag oft aus, als habe man gerade ein Raketenschlachtfeld betreten. Als habe jede Abrüstungskonferenz übersehen, dass Otto Normalbürger ab Start des Feuerwerkverkaufs besinnungslos aufgerüstet hat. Greift der Nachbar am Verkaufstisch zur 200-Schuss-Feuerwerksbatterie, muss es für einen selbst die maximale Sprengkraft sein und es wird eine noch größere wühlend gesucht. Kauft der Kunde neben einem das Raketensortiment mit 20 Sprengköpfen, braucht man selbst für den Vernichtungsschlag eines noch brillanteren Feuerspektakels das 40er-Sortiment, möglichst mit noch höherer Steigkraft. Dann verzaubern Worte wie Profi-Feuerwerk oder auch Namen wie "Uranus", also könnten die Lichtblitze in den interstellaren Raum bis zu diesem Planeten steigen, damit man es allen zur Bewunderung einmal richtig gezeigt hat, wie man es machen muss, selbst vermeintlichen Aliens. Da will jeder Held oder Heldin sein. Das verfüherische Heldentum größter Sprengkraft und Reichweite. Nur dumm gelaufen, wenn die Raketen im Seenebel im Nirgendwo entschwinden und man gar nichts sieht. Jedoch das staunende "Aaaah" und "Ooooh" der sektglasschwingenden Begleiter ist dennoch sicher. Das gehört dazu, ist guter Brauch und spornt den Pyromanengeist an.
Wollen wir hoffen, dass diesem Urtrieb unsere eitle Weltpolitik widerstehen möge. Da gibt es ja etwa in der neuen Welt Präsidenten, die gerne einmal mit Feuerzauber drohen und das per Twitter verbreiten. Markig muss ein Muskelprotz von sich reden machen. Das sind dann aber Feuerwerke, die schon Nena in "99 Luftballons" besungen hat und die sind dann kein Neuanfang mehr und auch nicht schillernd oder brillant.
Feuerwerke werden aber auch in deutscher Manier in aller Gründlichkeit nach Sinnhaftigkeit seziert. Ja, der Klimaschutz, Feinstaub..., bald erhalten Silversterraketen sicher Feinstaubplaketten, sobald sie im Knall und Lichtzauber unter der Schwelle eines Tischfeuerwerks, einem Knallbonbon mit Konfetti angekommen sind. Es braucht in Deutschand oft Prüfverfahren und Plaketten. Da ist dann garantiert, dass nichts und niemand zu Schaden kommt, nur die Lebensfreude leidet und das ist egal im Hinblick auf Regenwälder, arktische Pole, Gletscher und Tiger in Eschnapur. Deutsche Gründlichkeit und oft Verbissenheit kennt keinen Interessenausgleich. Zurück..., nein, nicht "Zurück in die Zukunft", sondern ins triste Mittelalter. Da war vermeintlich noch kein unverantwortliches Leben vorhanden, zumindest gab es keine Umweltbelastung durch arg so böse SUV's. Es fuhen noch keine Straßenpanzer durch die staubigen Gassen, da fuhr bestenfalls eine Handkarre aus Holz klackernd durch die hygienisch verwüsteten Straßen. Und übrigens, das Mittelalter hatte ganz andere Gefahren auf Lager...
Ach ja, nicht zu vergessen, auch die Tierwelt, die Vögel erleiden durch die Silvesterknallerei einen Schock für's Leben. Zumindest, wenn sie nicht angesichts der drohenden Knallerei und Lichtblitze Winterurlaub im Süden gemacht haben. Froh sind die Zugvögel! Wer nicht fliegt, tut etwas für den Klimaschutz, das wissen wir spätestens seit der schwedischen Thunberg-Überfahrt in die neue Welt und zurück. Vielleicht würden aber Hühner auch gerne in den Süden fliegen, um zeitweilig zu entkommen, nur sie können es nicht, nur etwas flattern. Damit ist ihr Los als Legehenne oder Suppenhuhn besiegelt. Oh, liebe Veganer, ich verspüre wirklich Mitgefühl mit dieser Spezies und Enten und allen, die nicht flüchten können. Statt unserem Feuerwerksknall ausgesetzt zu sein, wären sie dann Beute uns unbekannter Raubtiere, aber wenigstens nicht für ein kurzes Leben traumatisiert. An die Fische im Bodensee ohne Ohren zu Hören denkt wohl keiner! Sind diese denn nicht auch verschreckt?
Um die Anklage perfekt zu machen, die Christbaumleichen fallen im Januar unzählig der Müllabfuhr anheim. Nur unserer Weihnachtsfreude wegen. Dabei hätten sie lebend so viel CO2 vertilgt.
Ich weiß, ich überspitze etwas. Zur Versöhnung von Olga Popova der gute Rat: Haltet Maß, Weniger ist manchmal Mehr, räumt Euren Feuerwerksmüll weg, entsorgt ihn fachgerecht, meidet Naturschutzgebiete und sensible Bereiche, aber freut Euch des Lebens, macht einen verantwortungsvollen Neuanfang, lebt bewusst ohne Graumalerei und Hysterie, findet einfach den goldenen Mittelweg.
Das wünsche ich Euch allen zum neuen Jahr 2020!

Euer strahlender Stern
Olga Popova


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