Kolumne
 Gaybodensee Kolumne

Hier greifen monatlich im Wechsel diejenigen zur Feder, die diese gleich ihrem Zungenschlag spitz einzusetzen wissen und schonungslos all das durchhecheln, was ihnen gerade auf der Leber brennt. Das Szenegeschehen wird zur Zielscheibe des Klatsch & Tratschs und oft ein gut gehütetes Geheimnis ganz beiläufig gelüftet. Kurzweil, Spannung und aufschlussreiche Erkenntnisse verspricht die Kolumne der Stars und Sternchen, die wir hier einzeln vorstellen.



Gaybodensee Transenparade

 

*** K O L U M N E  Mai 2018 ***



Total Recall - ein Tag im Mai 1976...



Olga Popova

Der Radiowecker spielt „Schmidtchen Schleicher“. Ich drehe mich noch einmal rum und sinniere: Wer ist eigentlich dieser Schmidtchen? Ist es der Bundeskanzler? Aber warum soll der schleichen? Ich beschließe, aufzustehen und mal Mama zu fragen. Meine Eltern, Mister und Misses Understood, sitzen schon am Frühstückstisch. Sie haben sich schon schick gemacht. Mama im orangefarbenen Hosenanzug und Schleifen-Bluse. Papa in grünem Hemd mit brauner Hose. Er meint, er müsse heute auch noch unbedingt zum Frisör. Wir wollen heute Möbel kaufen. Die alten sind zu sehr Retro. Papa hat sich frei genommen. Im Radio auf dem Fenstersims laufen gerade die Nachrichten. Mama justiert immer die Radioantenne, die nur noch lose drin sitzt, um den Empfang zu verbessern. Ulrike Meinhof wurde in Stammheim erhängt aufgefunden. Aha. Das hat, glaube ich, wieder was mit Schmidtchen Schleicher zu tun. Aber ich frage doch nicht und rühre mir erstmal eine Tasse Nesquik zurecht. Ich muss heute nicht in den Kindergarten. Komme ja dieses Jahr eh in die Schule.
Leider wird meine beste Freundin Olga nicht dahin gehen. Sie hat ein Angebot von den Petersburger Domdohlen, dem Integrationschor sowjetisch-usbekischer Gastarbeiter der Stadt. Sie ist aus der Sowjetunion, also Usbekistan, nach Deutschland gekommen und soll nach Willen ihrer Eltern hier im Showgeschäft Karriere machen, aber selbstredend auch was Vernünftiges lernen - das heißt, dass sie nach der Schule in Usbekistan in der Kolchose ehrliche Arbeit im Praktikum erleben soll. Auffallen tut sie zumindest. Im Kindergarten trägt sie immer einen Pelz und eine Sonnenbrille. Sie war auch schon in einer Radiowerbung zu hören, für Baby-Möhren, wo sie „La la la, klein Olga ist mit Möhre da“ gesungen hat. Vielleicht kommt sie ja heute noch vorbei. Wir spielen immer zusammen Ernte oder Grand Prix Eurovision. Bei uns gewinnt dann zum ersten Mal Deutschland.
Jetzt läuft auch zufällig noch „Sing Sang Song“ von den Les Humphries Singers im Radio, die dieses Jahr am Grand Prix teilgenommen, aber leider nur Platz 15 belegt haben. Die Pechsträhne für Deutschland reißt nicht ab. Eigentlich sollte ja Tony Marshall teilnehmen. Der wurde aber disqualifiziert. Ich bekomme Lust, meine Kassette weiter mit Musik aufzunehmen. Ich habe zu Weihnachten einen Kassettenrekorder geschenkt bekommen. Den stelle ich immer vor Mamas Radio. Nur die Sprecher quatschen immer so blöd in die Musik rein und dann auch oft der Bandsalat... Papa meint aber, dafür sei keine Zeit mehr. Wir führen gleich los, weil er noch vor der Mittagspause zur Bank müsse, Geld abheben... und tanken. Nachdem Mama auf dem Balkon den Flokati ausgeschüttelt halt, machen wir uns auf den Weg. Mir gefällt unser neues Auto, ein Simca 1308. Vor dem Losfahren erinnere ich Papa immer daran sich anzuschnallen. Er hat sich an die neue Regelung noch nicht gewöhnt und hält das für typisch deutschen Humbuk. Dann geht es auch schon los. Auf dem Weg fällt Mama ein, dass sie Frau Geier noch nach einem Rezept für Königinnenpastete fragen wollte, die sie heute Abend machen will. Margot Geier ist die Mutter von Wally, mit der Olga und ich immer Grand Prix Eurovision spielen. Wir halten an der nächsten Telefonzelle. Sie ist besetzt. Wir warten. Dann gehe ich mit hinein, auch wenn ich leichten Brechreiz bekomme. Ich möchte aber gerne die Wählscheibe drehen. Danach verlasse ich das gelbe „Pissoir“ fluchtartig. Nachdem das Rezept notiert ist, geht die Fahrt weiter zur Bank. Papa “springt schnell rein“. Er will auch gleich D-Mark in Lira wechseln für den Italienurlaub. Wir warten ziemlich lang, da am Schalter eine lange Schlange steht. Weiter geht es dann zur Tankstelle. Papa kennt die günstigste, 95 Pfennig der Liter. Trotzdem flucht er über die seit der Ölkrise ständig steigenden Preise. Man müsse eigentlich beim Autokauf mal darauf achten, wie viel Benzin das Auto verbraucht. Diesel seien eigentlich total im Kommen, da könne man sogar auf unter 10 Liter auf 100 Kilometer kommen. Aber der Tankwart war sehr freundlich.
So, nun geht es endlich zu Möbel Unger. Die 1000 Mark, die Papa abgehoben hat müssten reichen. Immerhin fast ein Monatsgehalt. Gegenüber ist das Central Kino, das Mama auf die Idee bringt, mal wieder ins Kino zu gehen. Also marschieren wir erst dorthin, um zu sehen, welche Filme gerade laufen. „Taxi Driver“. Papa habe gehört, von dem Hauptdarsteller werde man noch viel hören. Roberto Niro, oder so ähnlich. Dann läuft noch ein Horrorfilm, „Das Omen“ und „Brust oder Keule“. Das erinnert Mama daran, dass es ja heute Abend Königinnenpastete gebe. Also heute ist nichts mit Kino. Außerdem will Papa im Röhrenfernsehen Derrick angucken, das sei heute mit Michaela May. Bevor wir zu den Möbeln gehen, möchte Papa noch schnell beim Elektro Reiff hinein, nach einem neuen Plattenspieler schauen. Außerdem gebe es da ein Spiel „Pong“, das man an den Fernseher anschließen könne, eine Art elektronisches Tennis. Und tatsächlich können wir das da Probe spielen. Nachdem wir uns vom Wunder der Technik losreißen konnten, gehen wir zu Möbel Unger. Wir müssen zur Wohnzimmerabteilung. Im Hintergrund tönt leise Musik von James Last. Vorbei an bunten Sitzsäcken kommen wir zu orangefarbenen runden Sesseln mit Metallfüßen. Dazu ein 5-Sitzer mit Bommeln an der unteren Kante, darauf Platz für die ganze Familie. Und ein kleiner brauner Tisch in ovaler Form. Das ganze gibt es abgewandelt noch in grün und braun. Dazu eine Reihe von Fernsehschränkchen und Stehlampen mit knalligen Lampenschirmen. Nachdem wir uns, nach ausgiebiger Beratung durch einen provisionshungrigen Verkäufer mit breiter bunter Krawatte und Koteletten, die fast bis zum Kinn reichen, für eine braune Variation entschieden haben, kommt noch ein Regal mit Quadraten, die mit abgerundeten Ecken einfach versetzt übereinander gestapelt sind, dazu. Alles zusammen kommt auf 879 DM.
Es ist Mittag und wir überlegen, wo wir auf die Schnelle etwas zu essen bekommen. Papa meint, in Berlin gebe es einen Imbiss mit türkischem Grillfleisch vom Spieß in Brot. Das soll wahnsinnig lecker sein. Schade, dass es das nicht überall gebe. Also landen wir beim alt bewährten Grillhähnchen mit Pommes und weil die Küche kalt bleibt im Wienerwald. Mama ist sichtlich erleichtert: „Wenn die Möbel geliefert werden, sind wir endlich wieder modern eingerichtet!“
Und wer jetzt lacht, soll mal 40 Jahre warten und Vergleich ziehen! Aber das Lachen vergeht bestimmt auch bei Gehör der 40 Jahre älteren MissU, Olga Popova und Wally Geier, garniert mit Bang Bang LaDeshs Moderationskommandos - als Zeitreisende weiß ich, wovon ich rede...

Euere ewig missverstandene
Miss Understood


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