Kolumne
 Gaybodensee Kolumne

Hier greifen monatlich im Wechsel diejenigen zur Feder, die diese gleich ihrem Zungenschlag spitz einzusetzen wissen und schonungslos all das durchhecheln, was ihnen gerade auf der Leber brennt. Das Szenegeschehen wird zur Zielscheibe des Klatsch & Tratschs und oft ein gut gehütetes Geheimnis ganz beiläufig gelüftet. Kurzweil, Spannung und aufschlussreiche Erkenntnisse verspricht die Kolumne der Stars und Sternchen, die wir hier einzeln vorstellen.



Gaybodensee Transenparade

 

*** K O L U M N E  November 2019 ***



1989...



Miss Understood

Die Wende. Ein Anlass, auf das Jahr 1989 zurückzublicken. Mein Gott, schon dreißig Jahre her! Da hat unsereins sich noch in der Schule und mit dem Führerschein rumgequält. Man lauschte Hits wie „The Look“ von Roxette, „Like a Prayer“ von Frau Ciccone oder „Another day in paradise“ von Phil Collins, der heute leider nicht mal mehr die Drumsticks halten kann.
Sogar Don Johnson war noch in den Charts. Wer so aussah, brauchte nicht singen zu können. Und natürlich David Hasselhof mit „Looking for freedom“, dem wir den Mauerfall ja angeblich zu verdanken haben. Für mich war damals der Skandal um Milli Vanilli wahrscheinlich aufregender als die Wende. Was sollte die Deutsche Einheit auch für mich persönlich verändern. An Auftritte in den neuen Bundesländern dachte ich damals sowieso nicht. Für Frau Popova jedoch war es ein Segen, quasi ihre Geburt.
Ich weiß allerdings nicht, ob sie schon vor der Wende durch den eisernen Vorhang auf die Westbühne gehuscht ist oder erst danach. Sie müsste ja dann erst durch halb Asien gestöckelt sein, um an den Todesstreifen zu gelangen. Das glaube ich eher nicht, aus Angst um die guten Schuhe und den Iltisnerz. Der hätte nämlich bei Schießbefehl auch ordentlich Schaden nehmen können. Es wäre auch kein Anblick gewesen, ein lebloser Iltisnerz im Stacheldraht hängend.
Oder hat Frau Geier sie abgeholt und im Kofferraum über die Feldwege bis ins Dreiländereck chauffiert? Kann ich mir auch nicht vorstellen. Das hätte die vor der Presse nicht verheimlichen können. Denke schon, dass Frau Popova erst nach 1989 die Rübenäcker verlassen hat.
Wie war das eigentlich vor 30 Jahren? Ungarn ließ ohne vorherige Absprache mit der DDR-Regierung alle dort anwesenden DDR-Ausreisewilligen in den Westen ausreisen. Etwa 30.000 Übersiedler kamen so auf einmal in die Bundesrepublik. In West-Berlin wurden deswegen leer stehende Wohnungen beschlagnahmt. Sie sollten zur Unterbringung von DDR-Bürgern genutzt werden, deren Zahl ständig zunahm. Da war von Mietpreisbremse sowieso noch keine Rede. Dann hat ja der Genschman auf dem Balkon der Prager Botschaft verkündet, dass alle DDR-Flüchtlinge, die sich in die Botschaften in Warschau und Prag geflüchtet hatten, in den Westen ausreisen durften. Offiziell hieß es, die „Abschiebung“ geschehe aus humanitären und medizinischen Gründen, da die Zustände in den Botschaften unhaltbar geworden waren. Seitens der DDR wurden die ausreisewilligen Bürger ausgewiesen. Für die DDR-Regierung, Egon Krenz und Konsorten, war das ja erst nur ein misslicher Zwischenfall. Am Bestehen des sozialistischen Staates bestand ja noch kein Zweifel. Die ersten Sonderzüge mit etwa 6.800 DDR-Flüchtlingen aus der Warschauer und Prager Deutschen Botschaft überquerten das Gebiet der DDR nach Hof in Bayern. Unterwegs versuchten ausreisewillige DDR-Bürger auf die Züge aufzuspringen, um ebenfalls in den Westen zu gelangen. Kaum zu glauben, dass noch im selben Jahr ein 20-Jähriger an der Berliner Mauer von DDR-Grenzsoldaten erschossen wurde, weil er versucht hatte, in den Westteil der Stadt zu flüchten. Ein anderer wiederum war mit einem Ultraleicht-Flugzeug geflohen. Er landete vor dem Reichstagsgebäude.
Sie hätten beide nur noch ein paar Monate zu warten brauchen. Nicht nachvollziehbar, dass heute Politiker wie Manuela Schwesig und Bodo Ramelow noch im Amt sind, die behaupten, das sei kein Unrecht gewesen.
Mit einer spektakulären Montagsdemonstration in Leipzig, an der mehr als 70.000 Menschen teilnahmen, erlebte die Wende in der DDR ihren Durchbruch. Die Forderung nach demokratischer Erneuerung der DDR wurde mit dem Satz untermauert: „WIR SIND DAS VOLK – keine Gewalt“. Es war die bisher größte Demonstration seit 1953. Von nun an fanden diese Demonstrationen an jedem Montag, mit teilweise über 300000 Menschen, statt.
30 Jahre her! In den USA wurde der Republikaner George H. W. Bush als 41. US-Präsident in sein Amt eingeführt. Er trat die Nachfolge von Ronald Reagan an.
Bei der Oscar-Verleihung in Los Angeles wurde der Film „Rain Man“ mit vier Auszeichnungen belohnt. Dabei fällt mir auf, dass Tom Cruise heute immer noch so aussieht wie damals, wie gesagt, 1989. Wir Damen, außer Cher, haben es da wirklich schwerer.
Um beim Showbiz zu bleiben: Den 34. Grand Prix d’Eurovision de la Chanson gewann in Lausanne die jugoslawische Gruppe „Riva“. Die Konkurrenz war allerdings damals schon allgemein als niveauarm eingestuft worden.
In Berlin fand zum ersten Mal die Love Parade statt, allerdings kurz vor der Grenzöffnung. Der Eiffelturm wurde 100 Jahre alt. Das Jubiläumsfest wurde mit Stars wie Stevie Wonder und Placido Domingo gefeiert. In Wimbledon gewannen zwei deutsche Tennisspieler die Internationale Tennismeisterschaft von England. Bei den Damen siegte Steffi Graf. Der Sieger bei den Herren war Boris Becker.
Erstmals wurde in der Bundesrepublik ein Langer Donnerstag praktiziert, an dem die Ladenöffnungszeiten für Geschäfte und Kaufhäuser bis 20:30 Uhr ausgedehnt wurden. Ein Segen, wenn man abends kurz vor dem Auftritt merkte, dass die Wimperntusche ausgetrocknet war.
Das Porto für einen Standardbrief kostete auch 80, allerdings 80 Pfennig, wurde allerdings im selben Jahr auf 1 DM erhöht. Im Alter von 96 Jahren starb die letzte Kaiserin von Österreich und Königin von Ungarn, Zita von Bourbon und Parma in der Schweiz. In Dänemark konnten homosexuelle Paare erstmals ihre Verbindung staatlich registrieren lassen. Ihnen standen damit ähnliche Rechte zu wie Ehepaaren.
Mal sehen, was ich in 30 Jahren über das Jahr 2019 zu berichten habe. Historisch wird es kaum so bedeutsam sein. Es sei denn, Frau Popova wird bis zum Jahresende noch überraschend die Nachfolge von Donald Trump oder dem Papst antreten.

Die ewig missverstandene
Miss Understood


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