Kolumne
 Gaybodensee Kolumne

Hier greifen monatlich im Wechsel diejenigen zur Feder, die diese gleich ihrem Zungenschlag spitz einzusetzen wissen und schonungslos all das durchhecheln, was ihnen gerade auf der Leber brennt. Das Szenegeschehen wird zur Zielscheibe des Klatsch & Tratschs und oft ein gut gehütetes Geheimnis ganz beiläufig gelüftet. Kurzweil, Spannung und aufschlussreiche Erkenntnisse verspricht die Kolumne der Stars und Sternchen, die wir hier einzeln vorstellen.



Gaybodensee Transenparade

 

*** K O L U M N E  Juli 2018 ***



Autokorso...



Olga Popova

Och nö, Fußball-Weltmeisterschaft. Für viele ist das der Proleten-Treff, eine Art Bierfest oder der europäische Minimalkonsens, Flagge zu zeigen und sich mit der Heimatnation zu identifizieren. Für manche ist das aber einfach ein Fest, ein Anlass zum Feiern, sofern die eigene Mannschaft gewinnt oder ein Anlass zu kollektivem Schmerz, wenn diese verliert. Manche und mancher würde gerne selbst auf dem Platz auflaufen und mitkicken. Manche suchen schlichten Zeitvertreib. Was all die Autokorsos aber beweisen, ein Sieg ist jeweils ein kollektives Rauschmittel, das noch Tage nachwirkt und Glücksgefühle verleiht. Da ist es gleichgültig, ob Österreich den Weltmeister Deutschland in einem Testspiel besiegt oder ob die Schweiz der Mannschaft Brasiliens mit einem Remis standhält. Da ist es auch ohne Belang, ob Deutschland gegen Mexiko verliert und geradezu kollektive Ekstase eintritt, wenn die Deutschen gegen Schweden das späteste Tor ever setzen, das einfach Kroooooooooos ist - oder besser war! Denn das deutsche Wunder blieb bekanntlich aus - oder besser, man hat es wahrhaft geschafft, aus einem möglichen Gruppensieg auf dem Fuß noch Gruppenletzter zu werden. Gratulation, das war wirklich noch nie da. Satte Spieler, mutlos, emotionslos, ohne Esprit und Idee, stehend K.o. und düpiert von einem Gegner namens Südkorea, den man vor Jahren noch umgekehrt düpiert hätte. Der Zauber ist vorbei. Der Bundestrainer ist mit seinem trotzig-starrsinnigem Festhalten an No-Go's wie Özil oder Khedira Teil des Problems geworden. Rücktritt? Hoffentlich!
Es geht doch letztendlich um Emotionen, um Gefühle, jedweder Art und das in einer doch recht gefühlsarmen Zeit.
Da wird die wehende Fahne der Nation zum Ventil für Freude und das ist ja nicht verwerflich. Da jubelt man endlich mal wieder kollektiv, kann Freude teilen und fühlt sich aufgehoben in einer Art Gemeinschaft.
Ich frage mich nur, weshalb das kaum mit unserer Kunst, dem Gesang gelingt. Ja, gut, beim Eurovision Song Contest gilt da keine Einschränkung. Aber sonst? Meine Mitschwestern und ich mühen uns um solche Emotionsstürme. Wir singen oder krächzen, was die Stimmbänder und die Lunge halten. Und doch ist die Emotion nicht derart, dass anschließend Autokorsos durch die Republik ziehen. Vielleicht doch ein Spartenangebot? Vielleicht doch etwas für Elitäre, die eben nicht in Popova-Trickot auf die Straße gehen?
Ja, das mag es sein. Elitäres Denken, haben wir nicht nötig, proletenhaft, profan, unterirdisch... Ok, aber sonst eine Gefühlsäußerung? Applaus..., ja, gut..., aber warum nicht Autokorso, weshalb nicht kollektiver Jubel? Hm, schlicht, weil hochgeistig, Kunst und eben elitär. Da geziemt sich das nicht.
Ich würde mir wünschen, dass man abseits des Elitären und der Etikette einfach mal generell den Gefühlen seinen Lauf lässt - und sei es für einen echt geilen Song. Da wird doch ein Kroos-Krimi, ein Weltklasse-Tor neu eingenordet. In jeder Kunst gibt es eben (Welt-)Meister. Auch im Alltag in jedem Beruf bei entsprechender Leistung, bei vielfältigem Engagement. Nur gibt es dafür kein Autokorso, schade! Aber next Play, next Try!

Euer strahlender Stern
Olga Popova


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