Kolumne
 Gaybodensee Kolumne

Hier greifen monatlich im Wechsel diejenigen zur Feder, die diese gleich ihrem Zungenschlag spitz einzusetzen wissen und schonungslos all das durchhecheln, was ihnen gerade auf der Leber brennt. Das Szenegeschehen wird zur Zielscheibe des Klatsch & Tratschs und oft ein gut gehütetes Geheimnis ganz beiläufig gelüftet. Kurzweil, Spannung und aufschlussreiche Erkenntnisse verspricht die Kolumne der Stars und Sternchen, die wir hier einzeln vorstellen.



Gaybodensee Transenparade

 

*** K O L U M N E  November 2022 ***



Euer Lordschaft...



Olga Popova

nun ja, ich selbst denke ja noch lange nicht an den Bühnenabgang. Alle, welche die Bühnen einst dominierten, machen nun Platz für meine Mitschwestern und mich.
Ich spreche nicht von den politischen Weltbühnen, auf welchen sich so manche tummeln, von welchen man ein Verschwinden von der Bühne nur gutheißen könnte.
Auch die Deutsche Bahn ist im Grenzverkehr mit der Schweiz weg von der Bühne, ähm, von der Schiene. Grund ist ihre permanente Verspätung im Fernverkehr, was den gut geregelten Bahnverkehr der Schweiz negativ beeinträchtigt. Schon die Wise Guys besangen die Bahnmisere treffend unter dem Titel "Thank you for travelling with Deutsche Bahn". Einst vom Zugbegleiter im Zielbahnhof in hölzernem, oft kaum verständlichen Englisch durch das Zugmikrofon durchgesagt. Ja, Auswuchs von Englisch-Crashkursen, die ja nichts kosten dürfen, vermutlich über Telekolleg-Videokassetten zum Home-Schooling an die Zugbegleiter ausgegeben.
Jetzt in der Inflation und Rezession darf ja nichts etwas kosten, nur Verbraucher bezahlen mehr für Gas, Strom, bald Grundsteuer B, Benzin, Lebensmittel etc., während ihre Löhne stagnieren und der Staat Preisbremsen à la Planwirtschaft erprobt. Soziale Marktwirtschaft wird zu einer Planwirtschaft mit sozialem Marktanstrich. Selbstredend müssen die Leute entlastet werden, aber wer bezahlt all die Hilfen am Ende? Alle Steuerzahler natürlich! Linke Tasche, rechte Tasche!
Aber zurück zum Bühnenabgang des Jahres:
Wir wurden einst betitelt mit "Schminkkurs der Volkshochschule" oder teilweise gar "was das denn sei, etwa die Sterbehilfe"! Bissige, treffende Worte, aber stets von der Grand Madame! Etwas abfällig, aber vielleicht auch anspornend gemeint, "Kinder, das macht man anders", wobei ein(e) jede(r) hat seinen Weg, "My way" eben, anders und divers! Ob schön, ist eine andere Frage.
Da tritt sie nun ab, Euer Lordschaft, Tina Lord, Konstanzer Drag Queen No. 1 seit Jahrzehnten. Ihr Good bye-Event im Stadttheater Konstanz in Windeseile ausgebucht. Ein weiteres Event folgt. Niemals geht man so ganz..., das sang schon Trude Herr. Aber auch diese Zusatzauflage wird in Kürze ausgebucht sein. Das Stadttheater Konstanz hat schlicht zu wenige Plätze. Unter Corona lernten wir doch etwas mit Hybrid-Veranstaltungen, die einen präsent, die anderen online dabei.
Da gibt es im Publikum "Persona non grata" und Personen, die auf "Sehen und Gesehen werden" aus sind. Ein Dilemma, wenn man bei dieser ultimativen Show etwa in der Empore säße. Wer sieht einen, wen sieht man? Da ist schon Reihe bis 10 im Parkett irgendwie so etwas wie "gemeiner Volksplatz". Nein, wer etwas auf sich hält, wartet auf die Buchung und die ersten Reihen. Aber manchem genügt auch das "Dabeisein".
Auch dabei ist Frau Huber, aber nicht wie gewohnt unter eigener Regie, sondern unter Regieanweisung von Tina Lord. Beim Abschied leise Servus sagen, dass macht Tina Lord, das Konstanzer Urgestein, wie gewohnt nach eigener Vorstellung. Da wird nichts hinzugebucht, um Auflockerung im Programm zu haben und um es sich selbst zu überlassen. Nein, Frau Lordschaft führt Regie und Regiment.
Es soll ein würdiger Bühnenabschied werden, ein Abschied der Lordschaft. Und es muss bunt, vielfältig, anspruchsvoll werden und alles vergessen machen, was an Krisen derzeit das Leben beschwert.
Daher ist auch die Insidern bekannte alte Krise zwischen Tina Lord und Frau Huber offenbar beigelegt. Das hätte in involvierten Kreisen noch vor einigen Jahren etwa so angemutet, als würden sich Nord- und Südkorea (endlich) umarmen. Aber das ist schön und versöhnlich!
Wir freuen uns auf den Abend des Friedens, der Versöhnung, der Diversity!
Tina Lord, Konstanz und die Region wird Dich in stets guter Erinnerung behalten. Ach was, Du wirst ein Mahnmal für Akzeptanz, manches Mal auch aneckend, aber im Grunde immer im richtigen Sinne unterwegs!
Genieße den baldigen Ruhestand und komme zurück, wenn ein Auftreten mal wieder nötig erscheint, Du weißt es besser, wann das erforderlich ist! Konstanz und die Region empfangen Dich mit offenen Armen!
Wir sind nicht in Great Britain, aber ein Hoch auf Euer Lordschaft! Und eben, niemals geht man so ganz...

Euer strahlender Stern
Olga Popova


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